Warehouse Intelligence

Ort Zürich
Gast Stefan Niederhauser – Verity
Interviewer Riva Pinto

Kontext

In globalen Lieferketten spielen Lagerhäuser eine zentrale Rolle. Fehler in der Bestandsführung können sich auf die gesamte Supply Chain auswirken, von verspäteten Lieferungen bis hin zu unnötig gebundenem Kapital in Sicherheitsbeständen. Die meisten Betreiber setzen dabei noch immer auf manuelle Abläufe, die nicht auf die wachsende Geschwindigkeit und Komplexität heutiger Lagerprozesse ausgelegt sind. 

Verity, ein ETH-Spin-off aus Zürich, setzt hier an: Das Unternehmen entwickelt und implementiert autonome Indoor-Drohnensysteme, die ohne GPS und ohne menschliche Steuerung Daten erfassen, auswerten und in bestehende Unternehmensprozesse integrieren. An über 200 Standorten weltweit ist das System heute im Einsatz. Neben der Logistik nutzt Verity autonome Indoor-Drohnensysteme auch für Live Events, etwa bei Konzerten, Sportveranstaltungen oder auf Kreuzfahrtschiffen. 

Stefan Niederhauser, Head of Client Success bei Verity, arbeitet an der Schnittstelle zwischen Technologie und Kunde. Im Gespräch erklärt er, wie das System funktioniert, was sich im Lageralltag verändert, wenn Drohnen Teil des Betriebs werden, und welche Anforderungen beide Industrien verbinden. 

Verity: https://www.verity.net

Interview

Riva Pinto: Im Zentrum eurer Arbeit bei Verity stehen autonome Indoor-Drohnensysteme. Kannst du das Unternehmen und euren Ansatz einmal vorstellen? 

Stefan Niederhauser: Vielleicht zuerst das strukturelle Problem, das wir adressieren. Lager sind oft kritische, aber relativ unsichtbare Knoten in der Supply Chain. Probleme, die dort entstehen, können negative Auswirkungen auf die gesamte Lieferkette haben. Die meisten Betreiber versuchen das mit einem manuellen Prozess im Griff zu behalten, einem Prozess, der nie wirklich für moderne, komplexe und schnelle Lager entworfen wurde. Mit unserer Lösung führen wir vollständig autonom und hochfrequent Inventuren durch, um unseren Kunden permanente Sichtbarkeit auf ihre Bestände zu geben. Damit können Probleme erkannt und gelöst werden, bevor sie operative oder finanzielle Konsequenzen haben. 

Pinto: Neben der Logistik setzt Verity die Technologie auch bei Live Events ein. Was verbindet diese zwei sehr unterschiedlichen Bereiche? 

Niederhauser: Es sind völlig unterschiedliche Industrien, aber im Kern gibt es Gemeinsamkeiten. Die erste ist Zuverlässigkeit. Systeme für die Industrie müssen extrem zuverlässig sein. Wenn sie nicht nahezu fehlerfrei funktionieren, werden sie nicht akzeptiert. Bei Live Events gilt das erst recht: Wenn du über das Publikum oder um den Kopf von Top-Artisten fliegst, kannst du dir keine Fehler erlauben. Unsere Drohnen waren auf Tour mit Metallica, Céline Dion und Drake, sie fliegen über dem Publikum grosser Corporate Events und sind auf Kreuzfahrtschiffe täglich im Show-Einsatz. Unsere Live Events Drohnen tragen als Payload ein helles RGBW-Pixellicht oder einen Mini Beam, um die Performance des Künstlers visuell zu verstärken. Die zweite Gemeinsamkeit ist die präzise Positionierung ohne GPS. In beiden Fällen muss die Drohne indoor jederzeit genau wissen, wo sie ist. Technisch lösen wir das aber unterschiedlich. Bei Live Events arbeiten wir mit einer funkbasierten Technologie. Im Lager ist das keine Option: Die metallischen Regalstrukturen reflektieren und stören die Funksignale so stark, dass eine zuverlässige Ortung nicht möglich ist. Unsere Industriedrohnen positionieren sich deshalb visuell. Was die beiden Bereiche verbindet, ist also nicht dieselbe Technologie, sondern dieselbe Anforderung, und die Erfahrung, sie zuverlässig zu erfüllen.

Pinto: Wie funktioniert euer System im Lagerbereich genau und was unterscheidet es von anderen Lösungen? 

Niederhauser: Wir bieten eine Lösung an, die Drohnen als Mittel einsetzt, um autonom Daten zu erfassen. Wir nennen das Mobile Intelligence. Zudem braucht es eine Anbindung an die Enterprise-Lösung des Kunden, also an ein betriebswirtschaftliches Planungssystem oder Lagerhaltungssystem. In der Mitte steht unser Warehouse IQ, wo die Daten zusammenfliessen und wir den Kunden die Ergebnisse und Analysen zur Verfügung stellen. Es geht um mehr als nur eine Inventur zu ersetzen. Wir wollen eine Warehouse Intelligence bringen, bei der wir nicht nur Daten erfassen und abgleichen, sondern auch Entscheidungen unterstützen, Empfehlungen geben und bestimmte Entscheidungen selbstständig übernehmen können.

Pinto: Was bedeutet das konkret für die Kunden? 

Niederhauser: Was für unsere Kunden oft am meisten zählt, ist, gegenüber ihren Endkunden eine zuverlässige On-time-in-full-Delivery sicherzustellen. Der Endkunde hat die Erwartung, das richtige Produkt in der richtigen Menge zum vereinbarten Zeitpunkt zu erhalten. Diese Leistung muss Tag für Tag verlässlich erbracht werden, und zwar unter hohem Kostendruck. Das funktioniert nur, wenn die Lagerbestandsgenauigkeit extrem hoch ist, und genau dort setzen wir an. Zudem treffen Leute oder Systeme Entscheidungen, wann was nachbestellt werden muss. Diese Entscheidungen basieren auf den Informationen im Lagerhaltungssystem und können nur so gut sein wie deren Genauigkeit. Wir helfen dabei, dass die Bestandsgenauigkeit viel grösser wird und alle verknüpften Prozesse sauber funktionieren.

Verity-Drohne bei der Arbeit in einer Lagerhalle

Pinto: Du arbeitest direkt mit den Unternehmen, die das System einsetzen. Wie verändert sich die tägliche Arbeit im Lager, wenn autonome Drohnen Teil des Betriebs werden? 

Niederhauser: Die Drohne ist der sichtbare Teil unserer Lösung, die Komponente, die jeder im Lager sieht. Die meisten Lager haben sich in den letzten Jahren oder Jahrzehnten nicht substanziell verändert, deshalb kommt eine Drohne im Lager immer noch mit einem gewissen Wow-Effekt. Die eigentliche Herausforderung besteht dann darin, unsere Kunden so zu unterstützen, dass Arbeitsprozesse angepasst werden. Am Ende des Tages ist unser System ein leistungsfähiges Werkzeug. Aber man kann es nur maximal nutzen, wenn die Abläufe darauf ausgerichtet werden. Das ist der anspruchsvollere Teil. Wer einen Prozess seit Jahren jeden Tag ausführt, kennt ihn besser als jeder Aussenstehende, und entsprechend gibt es manchmal eine Portion Skepsis, wenn ein neues System ihn verändern soll. Dieses Change Management, also die Menschen mitzunehmen statt ihnen etwas aufzuzwingen, ist ein sehr wichtiger Teil meiner Arbeit.

Pinto: Wie unterstützt ihr eure Kunden dabei? 

Niederhauser: Wir versuchen, die bestehenden Prozesse genau zu verstehen und Vorschläge zu machen, wie sie angepasst werden sollten, damit das Produkt optimal funktioniert und der gesamte Mehrwert tatsächlich realisiert werden kann. Wichtig ist, dass wir diesen Mehrwert dann auch nachweisen können.

Pinto: Verity ist inzwischen an über zweihundert Standorten weltweit im Einsatz. Welche Herausforderungen bringt diese Skalierung mit sich? 

Niederhauser: Das betrifft alle Aspekte unserer Firma: unsere eigene Logistik, Einkauf, den technischen Support, die Produkt- und Kundenbetreuung über den gesamten Lifecycle. Die Firma muss sich in allen Bereichen entsprechend dieser Skalierung stetig weiterentwickeln. Über zweihundert Lager zu unterstützen, ist operativ anspruchsvoll: Ferndiagnose, Befähigung der Kunden, standardisierte Trainings, Eskalationswege über mehrere Zeitzonen und Sprachen hinweg.

Pinto: Gibt es auch Unterschiede zwischen den Ländern, in denen ihr tätig seid? 

Niederhauser: Die Zertifizierung ist natürlich nicht immer einfach. Wir haben Systeme in Australien, Europa, UK, Südafrika, Mexiko, USA und Kanada in Betrieb. Man muss sich intensiv mit den Regulierungen auseinandersetzen. Jede Firma ausserhalb der USA, die Drohnen in die USA importieren will, weiss, wie schnell sich Dinge ändern können, zum Beispiel bei den FCC Regulations. Das kann den Import erschweren. Mindestens so prägend sind aber die kulturellen Unterschiede. Wir sind immer noch eine relativ kleine Firma, betreuen aber Kunden auf mehreren Kontinenten. Wie eine neue Technologie im Lager eingeführt wird, wie Entscheidungen getroffen werden und wie offen kommuniziert wird, das kann von Land zu Land sehr unterschiedlich sein. Diese Unterschiede müssen wir verstehen und berücksichtigen und unsere Zusammenarbeit, Kommunikation und Vorgehensweise entsprechend anpassen. 

Pinto: Wenn du in die Zukunft schaust, wie wird sich der Einsatz autonomer Systeme in der Logistik weiterentwickeln? 

Niederhauser: Ich erwarte, dass wir bald sehen, welche Lösungen und Anwendungsfälle wirklich einen erheblichen Mehrwert bringen und welche nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen. Unsere Kunden sind sehr auf einen starken Business Case fokussiert. Anwendungsfälle, die sich interessant anhören, aber am Ende aus Sicht eines CFOs keinen Mehrwert bringen, werden aussortiert. Auf der technischen Seite eröffnet die Entwicklung im AI-Bereich unglaubliche Möglichkeiten. Wir benutzen die Drohne als mobile Plattform zur Datenerfassung, und können dabei mehr erfassen als nur Inventurdaten. Mit AI-Tools lassen sich neue Anwendungsbereiche einfacher angehen als noch vor wenigen Jahren. Dabei ist die Drohne selbst nur ein Element eines grösseren Systems. Viel Potenzial liegt darin, diese mobile Intelligenz stärker mit anderen Systemen zu verknüpfen, die auf präzise und verlässliche Daten angewiesen sind. Ich bin überzeugt davon, dass wir noch viele weitere Anwendungsgebiete sehen werden, in denen Drohnen Menschen sinnvoll unterstützen und gleichzeitig einen klaren wirtschaftlichen Mehrwert schaffen. Welche Anwendungen sich dabei durchsetzen werden, wird sich zeigen. Das Potenzial ist jedoch bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.