| Ort | Zürich |
| Gast | Kai Holtmann – Taskforce Drohnen, armasuisse |
| Interviewer | Max Rheiner, Riva Pinto |
Die Schweizer Armee fliegt keine Schweizer Drohnen. Und das, obwohl das Land mit ETH, EPFL und einem dichten Netz an Startups eine der stärksten Forschungslandschaften im Bereich Drohnen und Robotik weltweit hervorgebracht hat. Seit Anfang 2025 arbeitet die Taskforce Drohnen bei armasuisse daran, das zu ändern: Schweizer Technologie soll in militärisch einsatzfähige Systeme überführt und die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten reduziert werden.
Kai Holtmann, Managing Director der Taskforce, spricht im Interview über die Hintergründe der Gründung, die Ergebnisse der ersten Feldtests und die Frage, was es braucht, damit die Schweiz ihre technologische Stärke auch für die eigene Sicherheit nutzen kann.
armasuisse Taskforce Drohnen: https://www.ar.admin.ch/de/taskforce-drohnen
Riva Pinto: Du bist Managing Director der Taskforce Drohnen bei armasuisse. Was ist die Aufgabe der Taskforce und warum wurde sie gegründet?
Kai Holtmann: Die Taskforce ist im Grunde eine Sofortmassnahme. Drohnen haben eine sehr hohe Dominanz auf dem modernen Gefechtsfeld, das zeigen die Bilder aus der Ukraine. Lange wurde die Drohnentechnologie vor allem zivil vorangetrieben. Mit dem Ukrainekonflikt hat sich das verändert, jetzt treibt zunehmend das Militär die technologische Entwicklung. Gleichzeitig hat sich gezeigt, wie abhängig auch die Schweiz von internationalen Lieferketten ist, man denke an Corona oder querstehende Schiffe, die plötzlich ganze Lieferketten unterbrochen haben. Die Schweiz hat mit der ETH, der EPFL und den Fachhochschulen eine herausragende Forschungslandschaft in Drohnen und Robotik. Da stellt sich schnell die Frage, warum die Schweizer Armee keine Schweizer Drohnen hat.
Die Taskforce verfolgt zwei Ziele, die etwas widersprüchlich sind, aber beide relevant: Erstens möglichst schnell Fähigkeiten in die Armee bringen. Zweitens das möglichst mit Schweizer Technologie tun, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Und zwar mit einem klaren Fokus auf Wirkung: Bekämpfung und Abwehr von Zielen am Boden und in der Luft. Es geht nicht mehr nur um Aufklärung oder Logistik.
Pinto: Wie nutzt die Taskforce das Schweizer Ökosystem aus Forschung, Industrie und Startups?
Holtmann: In der Theorie ist das sehr elegant nutzbar. In der Praxis stehen aber strukturelle und regulatorische Hürden im Weg. Wir versuchen, mit der Forschung neue technologische Lösungen zu entwickeln, mit Startups diese in Prototypen zu übersetzen und die Industrie zu befähigen, einsatzfähige Systeme auch im Konfliktfall produzieren zu können.
Aber die Schweiz hat einen extrem kleinen Absatzmarkt für Rüstungsgüter und schwierige Rahmenbedingungen bei den Exporten. Für Schweizer Firmen ist es deshalb fast unmöglich, nur auf dem heimischen Markt zu bestehen. Der erste Schritt war für uns, zu identifizieren, welche Firmen welche Fähigkeiten haben und wie man deren Systeme auf die Bedürfnisse der Armee ausrichten kann. Dafür gibt es verschiedene Wege: Innovationswettbewerbe wie die STA "Create the Future!" Challenge, klassische Ausschreibungen oder Feldversuche wie im Hinterrhein, wo die Industrie ihre Technologie unter realen Bedingungen testen und demonstrieren kann.
Pinto: Was haben die Tests im Hinterrhein im Dezember 2025 gezeigt?
Holtmann: Die kürzeste Antwort: dass die Schweizer Technologie nicht ausgereift ist. Aber um fair zu sein, keine Technologie ist ausgereift. Genau deswegen sind solche Tests notwendig. Nur im Feld sieht man, was machbar ist und woran man noch arbeiten muss. Im Labor kann man vieles abbilden, aber eben nicht alles.
Die militärische Anwendung findet unter widrigen Bedingungen statt: Regen, Schnee, Nacht, Kälte, keine Sichtverbindung, gestörte Umgebung, kein GPS. Der Soldat kann sich aber nicht auf Schönwetter verlassen.
Pinto: Stellt das Schweizer Gelände besondere Anforderungen an die Systeme?
Holtmann: Die Topografie ist eine grosse Herausforderung. Hohe Berge, Abschattungen, das stellt enorme Anforderungen an die Kommunikation zwischen den Systemen und dem Operator. Bei der Drohnenabwehr wird es besonders schwierig, denn viele Systeme basieren auf optischen Tracking-Algorithmen. Wenn eine Felswand im Hintergrund schwarz-weiss gepunktet daherkommt, ist es extrem schwierig, eine kleine Drohne als schwarzen Punkt davor zu detektieren.
Pinto: In der Ukraine werden Drohnensysteme im Rhythmus weniger Wochen weiterentwickelt. Kann die Schweiz mit diesem Tempo mithalten?
Holtmann: Nein. Und kein Land kann das, das nicht im Konflikt ist. Wenn das Messer nicht an der Kehle sitzt, ist der Druck nie hoch genug. Es gibt Regulierungen und Sicherheitsvorschriften, die ihre Berechtigung haben. Das Spannungsfeld zwischen dem Druck, möglichst schnell vorwärtszugehen, und der Notwendigkeit, Sicherheitsrisiken zu minimieren, macht es fast unmöglich, mit diesem Tempo mitzuhalten. Wir können schneller werden, etwa durch Standardisierung und klar definierte Schnittstellen. Aber so schnell wie die Ukraine werden wir ohne Konflikt nie sein.
Max Rheiner: Wenn Entwicklungszyklen so kurz sind, dass man eine Drohnenplattform nach drei Jahren wegschmeissen kann: Wie beschafft man überhaupt noch?
Holtmann: Das gesamte Beschaffungswesen ist darauf ausgelegt, über mehrere Jahre hochkomplexe Systeme zu analysieren und über die gesamte Nutzungsdauer abzusichern. Das hat mit Panzern und Flugzeugen funktioniert, die Jahrzehnte im Einsatz sind. Bei schnelllebigen Technologien wie Drohnen funktioniert das nicht. Es gibt Ansätze, wie kleinere Tranchen, jährliche Beschaffung und Drohnen als Verbrauchsware zu behandeln. Aber das hat Konsequenzen. In einer Milizarmee, die einmal im Jahr drei Wochen trainiert, kann man nicht zweimal jährlich die Systeme wechseln. Da rückt jemand ein und hat etwas in der Hand, das er noch nie gesehen hat. Das ist etwas, was wir jetzt lernen müssen.
Rheiner: Die Schweiz positioniert sich als Innovationsweltmeister. Aber Firmen, die hier entstehen, setzen ihr Potenzial oft im Ausland um. Wie siehst du das?
Holtmann: Das ist ein grosses Problem und am Schluss auf den Absatzmarkt zurückzuführen. Das sind privatwirtschaftliche Akteure, die Umsatz brauchen, um zu überleben. Und der Schweizer Markt allein gibt das nicht her. Im Defense-Bereich kommen Neutralität und Exportkontrollrecht hinzu. Wenn man als Unternehmer keinen engen Bezug zur Schweiz hat, ist der Schritt nicht mehr gross dort hinzugehen, wo es sich finanziell mehr lohnt.
Die Frage ist, wie wir Rahmenbedingungen schaffen, die Firmen veranlassen zu bleiben, statt auf Patriotismus zu hoffen. Und alle Länder haben dasselbe Problem erkannt, alle versuchen, Firmen zu sich zu holen. Die kleine Schweiz kann aber nicht die Milliardenbeträge sprechen, um eine Firma zu halten.
Rheiner: Forschung im Defense-Bereich war lange stigmatisiert. Hat sich das geändert?
Holtmann: Es gab schon immer Zusammenarbeit mit Hochschulen, in der Regel bei Dual-Use-Themen. Viele Technologien sind anwendungsagnostisch. Ob ein Navigationsalgorithmus einen Rega-Helikopter oder einen Transporthelikopter der Armee steuert, ist grundsätzlich egal.
Was man aber merkt, ist ein Shift in der Akzeptanz. Der Ukrainekonflikt hat gezeigt, dass Sicherheit nicht gottgegeben ist. Es gibt immer mehr Bereitschaft zur direkten Zusammenarbeit mit dem VBS, sichtbar in konkreten Initiativen wie dem Technologiebeirat zwischen VBS und ETH oder der jüngsten Innosuisse-Ausschreibung zur Abwehr von Kleindrohnen.
Trotzdem gibt es noch Vorbehalte und die sind berechtigt. Diese Technologien können auch für Ungutes eingesetzt werden. Eine Dimension kommt erschwerend hinzu: Was als ethisch vertretbar gilt, ist ein gesellschaftliches Phänomen. Es gibt Gesellschaften, die etwas als akzeptabel klassifizieren, was wir als verwerflich betrachten. Wenn diese Gesellschaft bereit ist, so weit zu gehen, ist es dann weise, dass wir aus ethischen Überlegungen sagen, dass wir uns das nicht anschauen, uns nicht dagegen wehren können und uns dem einfach ausliefern? Das ist eine sehr schwierige Diskussion.
Pinto: Welche Rolle werden Drohnen und autonome Systeme für die Zukunft der Schweizer Sicherheit spielen?
Holtmann: Sie werden eine zentrale Rolle spielen. Der Mensch ist das wertvollste Gut, und unbemannte Systeme sind ein Weg, ihn dort zu entfernen, wo er nicht sein sollte, wie etwa an der Front oder in einem brennenden Haus. In manchen Bereichen ist das noch Zukunftsmusik, aber der Trend ist klar.
Wir müssen lernen, was das bedeutet, wie wir es nutzen, aber auch wie wir uns davor schützen. Wir müssen adaptiv bleiben, gerade weil wir nicht im Konflikt sind und antizipieren müssen. Und wir müssen gesellschaftliche Akzeptanz angehen. In einem Land mit einer Milizarmee sind wir auf die Bürger in Uniform angewiesen. Wenn sie das Thema nicht mittragen, haben wir ein Problem.
Für die Taskforce wünsche ich mir, dass mehr Testmöglichkeiten geschaffen werden. Und auch, dass wir als Schweiz weiterhin nicht in einem Konflikt involviert sind und die technologischen Entwicklungen im Drohnenbereich aus der sicheren Welt heraus weiterdenken können, ohne es jemals brauchen zu müssen.